"Black Falcon" album has been included in the "BEST ALBUMS OF 2011" list on Seattlepi magazine.


Ragazzi Music Magazine November 2011
Erdem Helvacioglus neuer Hörfilm ist wieder enorm handlungsreich, macht acht Kammern auf, die in dunkle Geheimnisse entführen oder ausgefallen schön aufgenommene (Klang-)Landschaften präsentieren. Der Komponist, Gitarrist und Elektroniker Erdem Helvacioglu arbeitete das in acht Parts gegliederte Werk "resonating universes" - der Titel ist zutreffend, die Musik erzeugt starke Resonanz und macht ein ungeahntes und bislang unbetretenes Universum auf - mit der ebenfalls türkischen Harfenistin Sirin Pancaroglu aus. Etwaige Parallelen zum stilistischen Verständnis sind mir nicht bekannt. Die Zusammenarbeit zwischen Erdems intensiver, fast phonographischer Elektronik, die einmal wie Industriegewerk, dann wie Zugtunnel, wie schwere Handwerkerarbeit oder schließlich luftige zivilisatorische Klänge klingt und mit ihrer Ungeahntheit berauscht und fasziniert, und Sirin Pancaroglus avantgardistischer bis atonaler, sehr intimer und emotionaler Spielweise, deren Technik längst nicht herkömmlich und doch hörbar klassisch erlernt ist, baut einen Klangkosmos, der einzigartig ist. Herkömmliche Melodievorstellungen versagen vollständig, es gibt kein liedhaftes Arrangement - und darum Hörfilm: die rhythmusstarken Klänge, die schon mal suggerieren, ein Phonographer sei mit einem äußerst empfindlichen Mikrophonsystem in das Herz eines Ameisenhaufens vorgedrungen, sind stark emotional geprägt, ohne Melodieverständnis zu bedienen. Die improvisative Musik kann zuerst vielleicht als so etwas wie Jazz verstanden werden, wenn im Jazz erlaubt ist, in alle ungeahnten und ungedachten Richtungen Entwicklung zu treiben. Hier und dort entschwebt der Hörfilmcharakter und die Saiten der Harfe bringen tatsächlich so etwas wie melodische Strukturen hervor, die vorderasiatische Einflüsse aufweisen können, gewiss marginal nur, wie ein Gedanke, der durchs Off streicht, und zudem kurz, weil Erdems Elektronik zu weiteren Streichen ansetzt.
Die Parts klingen sehr konzentriert. Es gibt keine Idee von Ironie oder Sarkasmus, keine Anlehnung an erleichternde oder vermittelnde Melodiemuster, der Bastler im Instrument ist der Holzwurm, der mit dem Schraubenzieher ein zu kleines Loch erweitert und dafür mit seinem Arm durch unzählige Harfensaiten kommen muss, während das Instrument gespielt wird. Über allem liegt eine ungemein schöne Ruhe, die der Intensität, die selbst zu beachtlichem Chaos und Lärm werden kann, die notwendige Basis gibt. Und trotz Lautstärke und krasser Überlagerung vielschichtiger Tonschleifen, trotz der damit einhergehenden aufgeschwellten Tonkaskade bleibt die Basisstimmung satt in dunkler Melancholie still und nachdenklich.

Sirin Pancaroglu spielt klassische Harfe, die türkische Ceng (deren originale Schreibweise wie die der beiden Musikernamen mein html-Programm nicht leistet) sowie elektrische Harfe. Welche Elektronik Erdem Helvacioglu spielt, ist nicht genau definiert. Ein Bild ist im Booklet abgedruckt, auf dem Erdem vor einem elektronischen Tasten-, Knopf- und Hebelsystem sitzt, dass große Ausmaße entwickelt und ob der für Laien visuell kaum verständigen Arbeitsmöglichkeiten beeindruckt, partiell ist der Klang der elektrischen Gitarre herauszuhören, wie sie in ungewohnter Spielweise schon einmal Fred Frith nutzen kann (der übrigens als entfernter, leidlich passabler Stilvergleich herhält). "resonating universes" ist eine Komposition Erdem Helvacioglus, indes denke ich, dass es kein vollständiges Skript oder ähnliches gibt, sondern die Aufnahmen in inspirativen Sessions entstanden sind, deren einzelne Grundgedanken vorher von Erdem festgelegt wurden und aus deren Basis beider Spiel sich improvisativ in jeweiliger handwerklich exzellent geübter und gemeinsam inspirierender und inspirierter Arbeit entwickelte. Das ganze Werk ist 59 Minuten lang und wie ein ambientes Klangwerk rauschartig tief beeindruckend. Meilen entfernt vom Mainstreamkosmos esoterischer Allerweltselektronik, und nicht die Nuance vergleichbar mit dem Kuschelsound säuseliger, kitschiger Ambientseligkeit ist hier, wieder einmal, ein erstklassiges, faszinierend ausgefallenes und kluges Avantgarde-Album entstanden, das als Hörfilm keine Bilder als die des Booklets braucht.
Unbedingte Empfehlung!

erdemhelvacioglu.com
sargasso.com/khxc/index.php?app=ccp0&ns=prodshow&ref=SCD28064
blogcritics.org/music/article/music-review-erdem-helvacioglu-and-sirin/
Ragazzi Music Magazine November 2011
RELATED DISCOGRAPHY

Resonating Universes